Survivor Lese-Blog Folge 12
On 12. September 2018 | 0 Comments | der lese-blog | Schlagwörter: , , , , , , , , ,

 

CRUSOE 2.0 –
Ein Leben- zwei Geschichten


Aus dem neuen Abenteuerbuch von Volker Kreuzner

Immer Dienstag und Donnerstag ab August.

Vorbereitung – Teil 12 von 12


“Survivor… Ein neues Level. Für das restliche Leben?”

 

(waren wir durch.) … Das Gespräch mit meinem Verlagsleiter stand noch an. Alles war in trockenen Tüchern. Ich durfte mit auf die Insel. Am 12. Mai sollte es losgehen. Aber was ist, wenn ich wirklich die fünfzig Tage auf der Insel »überleben« sollte? Ich war freier Mitarbeiter im Verlag. Die Produktion Print und Werbemittel erledigte ich als One-Man-Show. Die aktuelle Saison war noch nicht ganz abgeschlossen. Das konnte ich hinkriegen. Aber ich brauchte natürlich das Einverständnis meines wichtigsten Kunden. Wenn er »Nein!« sagt, ist das Abenteuer auch vorbei. Ich konnte mir nicht leisten, diesen Kunden zu verlieren. Der Verlag war so ziemlich das Beste, was mir in den letzten Jahren beruflich begegnet war. Vor zehn Jahren hatte ich eine Anzeige im Generalanzeiger gelesen. »Verlag sucht Produktioner.«

Die Stellenbeschreibung passte genau. Aber die Geschäftsführung meiner eigenen Druckerei ließ mir keine Möglichkeit, diese durchaus interessante Tätigkeit überhaupt in Erwägung zu ziehen. Sechs Monate später die gleiche Anzeige. Gleiche Stellenbeschreibung. Da war es wieder. Dieses Gefühl der Bestimmung. Als hätte da jemand gerufen. Der Verlagsleiter hat sofort das Potenzial in unserer Zusammenarbeit erkannt. Es war für beide über lange Jahre sehr erfolgreich. Ich habe gutes Geld verdient. Und aufgrund meiner Preisverhandlungen für den Verlag war mein Honorar quasi umsonst. Also eine klassische Win-win-Situation. Außerdem waren Ede und ich auf einer Wellenlänge. Wir waren noch per »Sie«. Ich duzte ihn erst zwei Jahre später.

Beruflich war ich im Verlag endlich angekommen. Keine Türen mehr eintreten, die sich nicht von alleine öffneten. Erfolg und die damit verbundene Anerkennung. Ein tolles Team. Alle zielorientiert. Absolut tolerantes Arbeitszeitmodell. Seriöses Arbeiten. Wir wollten erfolgreich sein. Bis die Verlagsleitung wechselte. Dann musste ich mir ein anderes Betätigungsfeld suchen. Ich ging gleich in sein Zimmer. Vorher noch einen Kaffee aus der Küche. Ede saß gewohnt leger am Schreibtisch. Typisch. Die Füße auf dem Tisch. Zwischen Stapeln von Prospekten, Büchern, Manuskripten und Druckmustern. Die Augen auf drei Bildschirmen mit Tabellen. Auf dem Boden Kartons mit Give-aways, teilweise ungeöffnet. Wir passten zusammen.

»Darf ich Sie mal kurz sprechen?« Nur ein Grummeln. Ich kannte seine einsilbige Art mittlerweile. Es hätte auch »jetzt nicht« heißen können. Einfach weitermachen. Wenn man falsch lag, ließ er es einen dann später deutlich merken. »Ich mache da so eine Sache fürs Fernsehen. Eine Adventureshow. Das würde heißen, ich bin unter Umständen von Mitte Mai bis Mitte Juli nicht da. Die aktuelle Saison ist fast abgeschlossen. Die nächste anzufangen, würde im Juli reichen. Ist das ok?« Nichts. Keine Regung. Er nahm langsam die Füße vom Tisch. Drehte sich mit dem Stuhl zu mir. »Hä? Noch mal. Was für eine Adventureshow?« Ich erklärte alles noch mal. Von Anfang an. Vor allem war diese Schweigepflicht vom Sender wichtig, die sie mir und jetzt auch ihm, aufgebrummt hatten. Bei ihm war es gut aufgehoben. »Das ist meine Chance. Mein Spiel. Und sie kennen mich. Das soll nicht arrogant klingen, aber ich werde mir diese 250.000 Euro holen.« Er war einverstanden und konnte sich auch nicht vorstellen, dass die Geschäfts­führung etwas gegen diese Art von Außenwerbung hätte. Ich hatte sein Go.

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Freitag, 11. Mai. Siegburg. In der Nähe von Köln. 17,2 °C, 63 % rel. Feuchte, Luftdruck 1005,0 hPa. Die Anreise zum Flugplatz war spannend. Claudia und unsere zwei kleinen Töchter hatten mich nach Siegburg zum Zug begleitet. Erst als der ICE an Gleis 3 eingefahren war, sich die Türen geöffnet hatten und es Zeit wurde, sich zu umarmen, realisierten die Kinder den Abschied. »Papa, ich möchte nicht, dass du wegfährst.« Tränen. Schluchzen. Als die Tür sich langsam hinter mir schloss und der Zug sich stockend in Bewegung setzte, meinte der Mann auf dem Gang bedauernd: »Oh. Sie fahren wohl etwas länger weg?« »Na ja« sagte ich. Im Zug stellte ich meinen Rucksack ab. Könnte in der Zeit ja noch etwas arbeiten. Alles dabei. Laptop. Handy. Ich hatte keine Lust, meinen reservierten Platz zu suchen.

Es könnte sein, dass ich etwas mehr als fünfzig Tage von diesem kleinen Kaff bei Köln, meinem dreiunddreißigsten Zuhause, weg sein werde. Ich dachte an die Kinder und realisierte plötzlich auch diesen Abschied. Davor hatte ich am meisten Respekt. Vor dem Fehlen der Menschen, die mein Zuhause auch ausmachen. Vor der Größe der Aufgabe. Wie der Respekt beim Motorradfahren. Ja nichts ausreizen und immer sensibilisiert. Wie wird es mir ergehen mit fehlender Nähe, fehlendem Verständnis, fehlender Vertrautheit? Was ist mit null Intimsphäre oder meiner Sexualität? Der Zug beschleunigte auf Hochge­schwin­digkeit. 300 km/h. Kaffee? Schon zigmal diese Strecke gefahren. Doch diesmal war es anders. Je weiter ich mich von diesem Abschied entfernte, umso weiter entfernte ich mich in Gedanken von der vertrauten Umgebung. Ich kam langsam, aber stetig, in einen neuen Modus. Ein neues Level. Dass es ein neues Level für das restliche Leben sein würde, wusste ich damals noch nicht.

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»Die Ankunft«

Kuala Lumpur/Mersing/Insel Tengah

Ich hatte den Flieger verpasst. Der ICE aus Köln musste in Montabaur warten. Nothalt. Personen im Tunnel. Zwei Stunden außerplanmäßiger Aufenthalt. Das reichte nicht mehr, um den vom Sender gebuchten Flug um 23:00 …

 

 


… mehr im Buch “Crusoe 2.0 – Ein Leben. Zwei Geschichten”

 

 

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Bild: Tengahfound, Volker Görnert.

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